21.06.2016 – 24.07.2016

Denkmalpflegepreis 2016

Ausgezeichnet: Leben im Baudenkmal als Privileg

Der siebte Anerkennungspreis der Denkmalpflege des Kantons Bern geht dieses Jahr nach Biel: Die Besitzerinnen und Besitzer eines Doppelhauses im Bieler Rebbergquartier haben ihre jeweiligen Haushälften innen sorgfältig restauriert und die Infrastruktur mit wenigen Eingriffen optimiert. Der Denkmalpflegepreis 2016 zeichnet die Bauherrschaften für ihren pragmatischen Ansatz aus, der konsequent die historische Bausubstanz ins Zentrum stellt. Der Spezialpreis der Fachkommission für Denkmalpflege würdigt das Engagement einer Bauherrin, die sich mit viel Elan für einen ehemaligen Lager- und Gewerbebau von 1860 in Burgdorf eingesetzt hat.

 

An bester Aussichtslage entstand über der Bieler Seevorstadt im frühen 20. Jahrhundert an der Stelle des Rebberges ein gehobenes Wohnquartier. Es waren meist gut situierte Bürger, die hier bauten, dazu kamen Architekten und Baugeschäfte, die auf eigene Rechnung Häuser erstellten und verkauften. Eines davon ist das nun prämierte, 1903 erbaute Doppelwohnhaus, ein frühes Werk der beiden aufstrebenden jungen Architekten Walter Bösiger und Marcel Daxelhoffer. Mit der asymmetrischen Konzeption des Doppelwohnhauses reagierten die beiden Architekten auf die Situation am südost-orientierten Jurahang: Die Loggia der einen Haushälfte und der gerundete Vorbau der anderen Seite fangen für beide Hausteile möglichst viel Sonnenlicht ein.


Überzeugende Ästhetik und bewährte Qualität

Regula und Kuno Cajacob, die Besitzer der westlichen Haushälfte, waren von Beginn weg begeistert vom qualitätsvollen Interieur und dem speziellen Raumgefühl, von der Ästhetik der alten Fenster und dem grossen Kachelofen. Für den Unterhalt erkundigten sie sich bei spezialisierten Handwerkern und bei der Denkmalpflege. Viele der Fenster stammen noch aus der Bauzeit und wurden behutsam nachgerüstet. Die grösste Veränderung erfuhr die Küche, die man komplett erneuerte. Das Küchenfenster wurde zu einer Tür erweitert, die direkt in den Garten führt, ein grosser Gewinn an Wohnqualität.
 

Pragmatisches Vorgehen bei der Restaurierung

Nina und Sven Harttig wurden die neuen Nachbarn. Architekt Harttig ging die Restaurierung der unterhaltsbedürftigen östlichen Haushälfte pragmatisch an. Er frischte die qualitätsvolle Ausstattung auf und griff nur dort ein, wo es bautechnisch notwendig war, oder wo er mit geringem Substanzverlust eine wesentliche Komfortverbesserung erreichen konnte. Auf Grundlage einer Farbuntersuchung entwickelte man ein Farb- und Materialkonzept für die zeittypisch schweren, dunklen Holzelemente: Die gliedernden Elemente blieben holzsichtig, ansonsten erfolgte ein teilweiser Anstrich. Küche und Badezimmer wurden modern ausgestattet, das Dachgeschoss ausgebaut. 2014 restaurierten die Besitzer gemeinsam die Fassaden und das Dach. Das dafür entwickelte Farb- und Materialkonzept wird auch bei zukünftigen Arbeiten einen zweckmässigen Rahmen vorgeben.


Eine Frage der Verhältnismässigkeit

Auch bezüglich der Energiefrage analysierten die Bauherrschaften ihre Haushälften sorgfältig. Das Dach und die Kellerdecken wurden gedämmt, Erd- und Obergeschoss blieben samt den alten Fenstern nahezu unverändert. Die Frage nach der Verhältnismässigkeit und dem Substanzverlust ist den beiden Bauherrschaften wichtig. Das Haus ist energetisch nicht mit Neubauten zu vergleichen, besticht aber durch seine Ästhetik und die bautechnische Qualität. In einem Baudenkmal zu wohnen, empfinden alle Bewohnerinnen und Bewohner als Bereicherung.


Spezialpreis der Fachkommission: Gewerbecharme und Gebrauchsspuren

Der Spezialpreis der Fachkommission für Denkmalpflege richtet das Augenmerk nicht auf «Alltagsarchitektur» wie der Hauptpreis, sondern auf eine beispielhafte Restaurierung, auf eine herausragende Einzelmassnahme oder auf das aussergewöhnliche Engagement einer Bauherrschaft. Mit dem Spezialpreis 2016 würdigt die Fachkommission für Denkmalpflege das vielseitige Engagement der Glaskünstlerin Maya Manz, die sich mit viel Elan für einen ehemaligen Lager- und Gewerbebau in Burgdorf eingesetzt hat. Die neue Eigentümerin plante die Sanierung und den Umbau in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege selber, engagierte einen erfahrenen Bauleiter und arbeitete während unzähliger Stunden eigenhändig auf der Baustelle mit. Bei der Restaurierung der Oberflächen orientierte man sich am bauzeitlichen Originalbestand, das schlichte, aber markante Gebäude wurde auf selbstverständliche Weise wiederbelebt.

 

 

Donnerstag 16. Juni 2016, 18:00, Alpenstrasse 33/35

Führung in Biel: Ästhetik und Qualität

 

Weitere Informationen: www.erz.be.ch/erz/de/index/kultur/denkmalpflege.html


Abbildungen

Alpenstrasse 33/35, Biel: Das Zweifamilienhaus an der Bieler Alpenstrasse wirkt aus Distanz wie eine stattliche Villa, erst die beiden Eingänge und die Abtrennung im Garten lassen die beiden eigenständigen Haushälften erkennen. Foto 2015, Stefan Weber, Jens
Alpenstrasse 33, Biel: «Im Winter wirkt der geheizte Kachelofen für uns wie eine eigenständige Persönlichkeit, er will achtsam befeuert werden.» (Kuno Cajacob). Foto 2015, Stefan Weber, Jens
Alpenstrasse 33, Biel: Das Küchenfenster wurde zu einer Tür erweitert, die direkt in den Garten führt. In der modernen Küche fasziniert die Spannung zwischen Alt und Neu. Foto 2015, Stefan Weber, Jens
Alpenstrasse 33, Biel: Die grosszügig befensterte Loggia fängt viel Sonnenlicht ein. Die Fenster und Vorfenster stammen aus der Bauzeit und begeistern durch ihre Ästhetik. Foto 2015, Stefan Weber, Jens